Die Journalisten im deutschsprachigen Raum haben in den vergangenen Monaten mehrheitlich ausgewogen über die so genannte Flüchtlingskrise berichtet und ihre professionelle Distanz gegenüber Flüchtenden nicht verloren. Dies ist das Ergebnis einer Analyse, die Studierende des Masterprogramms New Media Journalism (NMJ) im Rahmen einer Projektarbeit durchgeführt haben.
Haben Journalisten ihre kritische Distanz während der so genannten Flüchtlingskrise aufgegeben? Haben sie sich – etwa aus Mitleid oder Empathie – gemein gemacht mit den Flüchtenden? Haben sie bewusst versucht, bei den Rezipienten Sympathien für die Flüchtlinge zu wecken, etwa durch die Aufmachung ihrer Berichte, bestimmte Formulierungen im Text oder die Bildauswahl? Um diese Fragen zu beantworten, analysierten die NMJ-Studierenden 120 Reportagen aus sieben Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Zeitraum zwischen September und Oktober 2015.
70 Prozent der Journalisten bleiben weitgehend in der Rolle des Beobachters
Ihr zentrales Ergebnis: In 84 von 120 Reportagen blieben die Journalisten ihrer Rolle als neutraler Beobachter weitgehend treu. Dies entspricht einem Anteil von 70 Prozent. Auf der anderen Seite stellten die Studierenden bei gut einem Viertel (28 Prozent) der Reportagen eine große Nähe zwischen Berichterstattern und Protagonisten fest. Beim Lesen dieser Artikel werde eine „persönliche Betroffenheit erkennbar“.
Untersucht wurden unter anderem Reportagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, des Tagesanzeiger, der Neuen Zürcher Zeitung sowie des Standard. Die Analyse erfolgte anhand von 17 Variablen. Als Indikator für ein hohes Maß an Nähe wurde beispielsweise betrachtet, ob der Journalist sich in der Reportage selbst erwähnt. Auch die Verwendung sehr emotionaler Beschreibungen oder der Aufruf zu Spenden wiesen in der Untersuchung auf eine Nähe zwischen Journalisten und Flüchtlingen hin.
Die detaillierten Ergebnisse der Untersuchung sowie weitere Informationen zum Forschungsdesign können Interessierte auf der Seite www.grenzerfahrung.net nachlesen.
Videointerviews, Expertengespräche, medienethisches Quiz
Auf der Seite finden sich zudem flankierende Berichte und Einschätzungen. Mehrere Journalisten, die intensiv über die Flüchtlingskrise berichtet haben, kommen in Videointerviews zu Wort. Außerdem führten die Studierenden Interviews mit den Medienwissenschaftlern Martin Emmer von der FU Berlin sowie mit Patrick Donges von der Universität Greifswald (jetzt: Universität Leipzig). Mit einem Quiz können Seitenbesucher testen, wie sie selbst mit medienethisch fragwürdigen Angeboten und Situationen umgehen.
