Um Journalismus zu finanzieren, werden Medienunternehmen in Zukunft wesentlich stärker als bislang auf die Daten ihrer Nutzer zugreifen. „Wenn wir die Daten nicht nutzen, sieht es irgendwann richtig schlecht aus mit dem Erlösmodell des Journalismus. Das ist vor allem ein Thema für den Vertrieb“, sagte Jan Hollitzer, Online-Chef der Berliner Morgenpost, am Freitag bei einem Gesprächsabend mit Studierenden u. a. des Studiengangs New Media Journalism an der Leipzig School of Media.
Regionale Medienhäuser wie die Berliner Morgenpost würden über hunderttausende Kundendaten verfügen, erklärte Hollitzer, der auch der Chefredaktion der Morgenpost angehört. „Wir machen damit aber nichts. Die Daten sind völlig unstrukturiert.“ Im Gegensatz dazu ermöglichen Internet-Riesen wie Google, Facebook oder Twitter es den Werbekunden, Nutzerdaten systematisch für ihr Marketing einzusetzen. „Diese Technologie-Unternehmen nehmen uns das Werbegeld weg.“
Big Data ermöglicht Innovationen
Über den Umgang mit Daten in den USA machte sich Jan Hollitzer erst im April dieses Jahres ein eigenes Bild. Im Rahmen des „International Visitor Leadership Program“, eines Austauschprogramms des US-Außenministeriums für Führungskräfte, reiste er in die Vereinigten Staaten. Dort besuchte Hollitzer Firmen wie Mozilla, Dropbox oder Facebook, aber auch NGOs wie die Electronic Frontier Foundation und das Electronic Privacy Information Center, die sich für Datenschutz und Datensicherheit einsetzen.
„Ohne Daten keine Innovationen. Davon sind die Amerikaner überzeugt. Alles basiert auf Big Data“, berichtete Hollitzer von seinen Eindrücken, die er auch während der Reise in einem Blog festhielt. Die Nutzer hätten dort weit weniger datenschutzrechtliche Bedenken als hierzulande. Dies gelte besonders in der Privatwirtschaft. „In den USA vertrauen die Menschen ihre Daten lieber einem Unternehmen als dem Staat an. Bei uns ist es andersherum. Das ist eine gänzlich andere Mentalität.“

Zur Veranstaltung kamen Studierende der Leipzig School of Media und des neuen Masterprogramms Global Mass Communication der Universität Leipzig. (Foto: LSoM).
Mit dem Tablet auf den Mars
Daten spielten aber nicht nur für die Werbung eine wichtige Rolle, sondern ebenso in der Redaktion, wenn es um den Einsatz neuer Erzählformen geht. „Schon bald kann ich als Nutzer auf virtuelle Reisen gehen und den Mars oder andere ferne Orte besuchen“, sagte Hollitzer und verwies auf Software, die dies – statt mit einer teuren Brille – nur mit dem Tablet ermögliche (vgl. www.youvisit.com). Auch die Berliner Morgenpost investiere in entsprechende inhaltliche Experimente. Erst diesen Monat veröffentlichte das Interaktiv-Team der Morgenpost um Julius Tröger eine 3D-Visualisierung der Skyline von Berlin. Nutzer könnten sich ansehen, wie sich die Stadtansicht seit 1990 verändert hat. Daneben entstanden bereits eine Lärmkarte von der Hauptstadt oder eine interaktive Checkliste zum Fortschritt am Flughafen BER unter der Adresse istderberschonfertig.de.
Wie viel Zeit investieren Leser für qualitativ hochwertige Medieninhalte?
Diese Anwendungen erzielen hohe Reichweiten, werden aber in der Werbewirtschaft noch nicht ausreichend wahrgenommen. „Das Problem ist derzeit noch die Monetarisierung dieser Angebote“, gestand Jan Hollitzer. Auf Seiten der Marketing-Verantwortlichen vermisst er den Mut zu mehr Innovation: „Die Werbebranche denkt leider auch immer noch in Bannern und Skyscrapern.“ Manchem Projekt würde Hollitzer auch noch mehr Aufmerksamkeit der Nutzer wünschen: „Rotlicht, Blaulicht, Flutlicht – das sind leider die Themen, die am meisten klicken. Da fragt man sich schon manchmal, warum wir es nicht schaffen, die Leute auch für relevantere Nachrichten zu interessieren“, sagte Hollitzer.
Trotz aller Herausforderungen sei es gleichwohl extrem spannend, in diesen Zeiten als Journalist zu arbeiten. „Niemand weiß so ganz genau, wohin die Reise geht – auch die Amerikaner nicht“. Wer Lust an Experimenten hat, sei im Online-Journalismus momentan gut aufgehoben.

Sebastian Heinisch, Studienkoordinator des LSoM-Masterprogramms New Media Journalism, und Jan Hollitzer im Gespräch über die neuesten Entwicklungen im Online-Journalismus. (Foto: LSoM)
Text & Fotos: Alexander Laboda
